Fach­tag An(ge)kommen – 100 Jah­re AWO – 100 Jah­re Migra­ti­on

Kon­takt

  • AWO Kreis­ver­band Bie­le­feld

  • Mer­ca­tor­str. 10
    33602 Bie­le­feld

  • Tel. 0521 – 520 89 0

  • info@awo-bielefeld.de

Aktu­el­les

Fach­tag An(ge)kommen – 100 Jah­re Awo – 100 Jah­re Migra­ti­on

Irgend­wie dabei reicht nicht“

Rund 200 Inter­es­sier­te aus der Sozia­len Arbeit, Ver­wal­tung und Poli­tik kamen zum Fach­tag „An(ge)kommen“ der AWO nach Bie­le­feld in den Ravens­ber­ger Park. In Vor­trä­gen, Work­shops, Aus­stel­lun­gen und Fil­men ging es um „100 Jah­re AWO – 100 Jah­re Migra­ti­on“.

  • Foto: Erwin Täl­k­ers

Ein brei­tes Spek­trum der von der AWO in OWL geleis­te­ten Migra­ti­ons­ar­beit prä­sen­tier­te sich an die­sem Tag. Über Sala­fis­mus und Anti-Ziga­nis­mus wur­de infor­miert. Mög­lich­kei­ten der Abwehr von Dis­kri­mi­nie­rung im All­tag zeig­te das Pro­jekt „Forum­thea­ter für Kin­der und Jugend­li­che“. Inter­kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­sie­rungs­übun­gen stan­den in einem ande­ren Work­shop auf dem Pro­gramm. Sen­thu­ran Varat­ha­ra­jah las aus sei­nem Buch „Vor der Zunah­me der Zei­chen“ vor. Vie­le Migra­ti­ons­fach­diens­te und das Jugend­werk stell­ten sich und ihre Arbeit vor. Auch wer ara­bisch schrei­ben ler­nen, ein­fa­che Spra­che oder Kenia­nisch ken­nen­ler­nen woll­te, war rich­tig.

Apro­pos Spra­che, die Vor­stel­lung des Tages­pro­gramms geschah in Grie­chisch, die Beschil­de­rung der Toi­let­ten und ande­rer Räu­me erfolg­te in vie­len Spra­chen die­ser Welt. Die Gefühls­welt von Migran­ten wur­de so erleb­bar gemacht. Den eben­falls vor Ort mög­li­chen „Ein­bür­ge­rungs­test“ haben nicht alle Gäs­te bestan­den.

Die Höhe­punk­te des Fach­ta­ges waren aber ohne Zwei­fel die Vor­trä­ge. Den Anfang mach­te Prof. Dr. Andre­as Lob-Hüdepohl aus Wup­per­tal. Leb­haft und poin­tiert sprach das Mit­glied des Deut­schen Ethik­ra­tes über Inte­gra­ti­ons­ar­beit als Men­schen­rechts­ar­beit. Er for­der­te dazu auf, Inte­gra­ti­on um der Men­schen selbst wil­len, sozi­al­raum­ori­en­tiert und aus­ge­stat­tet mit Res­sour­cen vor­an­zu­brin­gen. Ein­be­zie­hung statt Assi­mi­la­ti­on, Aner­ken­nung durch Teil­nah­me und Teil­ha­be, getra­gen von Tole­ranz, Respekt, Neu­gier und Wert­schät­zung, sind dafür erfor­der­lich. Lob-Hüdepohl: „Irgend­wie dabei reicht nicht.“

Aus der Sicht der Psy­cho­ana­ly­se betrach­te­te Vere­na Plut­z­ar vom Insti­tut für Ger­ma­nis­tik in Wien anschlie­ßend Migra­ti­on. Ihre Kern­aus­sa­ge: Migra­ti­on, frei­wil­lig oder zwangs­wei­se, ist ein Pro­zess, der das Indi­vi­du­um ver­än­dert. Der mit Qua­li­fi­ka­tio­nen, Erfah­run­gen und Wün­sche gefüll­te „Kof­fer“ der Migran­ten wird dabei größ­ten­teils ent­wer­tet. Angst, Schmerz und Schuld blei­ben. Die Migra­ti­ons­kri­se führt zu Sprach­ver­lust, Welt­ver­lust und Selbst­ver­lust. Auf­ga­be der Inte­gra­ti­ons­ar­beit ist es, die Stär­ken der Men­schen im Blick zu behal­ten. Die För­de­rung von „Fami­li­en­sys­te­men“ und die Schaf­fung „siche­rer Räu­me“ zum Bei­spiel durch die AWO sind für Plut­z­ar not­wen­dig, um die­se Kri­se durch­le­ben zu kön­nen. Sie­ben Jah­re dau­ert sie im Durch­schnitt. Das Posi­ti­ve am Ran­de: Kin­der fin­den sich schnel­ler in einem frem­den Land zurecht.

Die­se Ein­schät­zun­gen konn­ten Imke Mey­er vom AWO Quar­tier Zedern­stra­ße in Bie­le­feld-Ummeln und Nata­sha Stan­cic von der AWO-Inte­gra­ti­ons­agen­tur Löh­ne im Gespräch mit Mode­ra­to­rin Bri­git­te Büscher nur bestä­ti­gen. Nicht Behör­de zu sein, eine ein­fa­che Spra­che zu spre­chen, da zu sein, sind die Vor­tei­le der AWO-Migra­ti­ons­ar­beit, um Zugän­ge zu Geflüch­te­ten und ande­ren Migran­ten zu bekom­men und für ihre Ange­bo­te zu nut­zen.